Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Kunstfreunde,

 

Es gibt nicht sehr viele Ereignisse mit vergleichbarer Erschütterungswirkung auf die Art und Weise, wie wir und uns die Welt erleben, was wir uns von der Kunst erwarten. In den sechziger Jahren probierten einige, heute als Kunst- und Livestyle-Legenden angebetete, damals vom lauen Schaufensterdekorateur-Dasein zu Tode gelangweilten Boys neue Weltsichtbrillen aus. Die neue, unerhört folgenreiche Erkenntnis- und Sehhilfe filtere alles weg, womit Kunst bis dahin verunklärt, umwölkt, verdüstert und auch für den Normalsterblichen entrückt war. Persönlicher Ausdruck, Spiritualität, Transzendenz, Exklusivität, Bedeutungsanspruch und anderer elitärer Kram landete plötzlich auf der historischen Müllhalde. Was damals zuerst im schmuddeligen Underground mit Billigstmitteln ausgebrütet und dann sehr schnell auf galeristischer Spitzenebene in sagenhaften Kommerzertrag veredelt worden war, war mit drei riesengroßen Buchstaben etikettiert. POP: Die Popkunst entpuppte sich schließlich als der globale Erfolgsrenner der Nachkriegs- und Aufbauzeit. Jedermann verstand sie auf der Stelle, niemand brauchte sich mehr über Hintersinniges den Kopf zu zerbrechen. Heute gibt es ernüchterte Lagebetrachter, die in Warhol und Konsorten die effektivsten Totengräber der Kunst sehen, für andere, vielleicht für die Mehrheit, beginnt mit dem Kult der Oberfläche das wahre Paradies der barrierefreien Kunst-Zugänglichkeit.

 

Wolfgang Uranitsch, meine Damen und Herren, ist ein Künstler, der vieles vom damaligen Erschließungstaumel, von der damaligen Eroberungslust aufleben lässt. Erschlossen wurden und werden wieder das ganz Nahe und das ganz Ferne, das Triviale und das Exotische, das Populäre und Alltägliche genau so wie das Fantastische und Unzugängliche. Das scheinbar Gegensätzliche, sich Ausschießende fällt in der sogenannten Bewusstseinserweiterung zusammen. Die war in der damaligen, von chemischen Hirnöffnern geschwängerten Zeit, in der man Gedrucktes wie "Naked Lunch" verschlang und sich den Soundhämmern von Led Zeppelin auslieferte, absolute Teenee-Plicht. Ein Hauch von diesen psychedelischen Sinnesabenteuern lockt auch in den Bildabenteuern von Wolfgang Uranitsch. Bildflashs aus ethnischen Randkulturen, aus südlichen, amerikanischen und europäischen Urbanschungeln, aus ruinösen Industriezonen, aus Regenwäldern, Highways und dem Ikonenpool der globalen Unterhaltungsmaschinerie beziehen ihre Wirkung aus der ausgeklügelter Technik raffinierter visueller Bildzerlegungen, Schablonenkombinationen und den Sprayablagerungen von verschiedenen Lacken auf metallenen Untergründen mit unterschiedlichen Korrosionsgraden. Die aufwändige "Metal Spray Art", ästhetische "Corporate Identity" des Künstlers, steht in gewissem Gegensatz zur inhaltlichen Aspekt einer an sich flüchtigen, wie aus dem Nichts blitzartig entstehenden Bildwelt, von der sich der Künstler immer angezogen und inspiriert fühlt. Wolfgang Uranitsch gehört zu den Pionieren der Comicszene und war auch Kreativtäter in Gaffittigangs. Ein ganz eigener Kunstorden mit eigenen Gesetzen, die Städtväter auf der ganzen Welt bis aufs Blut reizt, was die superwendigen Bildsetzer nur noch weiter zu buntglänzenden Aktionen aufstachelt. Die Logo-Hinterlassenschaft macher Streetartstars ist heute mehr als Goldes Wert. Wir hoffen jedenfalls, dass das Vogelhaus nicht wirklich ins Visier der Bildguerilla gerät, kleinere Sprayübungen hat es allerdings schon gegeben. Wir hoffen, dass der Sympathisant subversiver Bildtechniken nicht gewisse Schläfer aufweckt. Uns genügt die kunstvoll domestizierte Version wilder, immergrüner Bildideen, die einfach nicht altern. Sie können einfach nicht schrumpelig werden - die Freiheitsstatue, Merylin, Mick Jagger und all die anderen MegaStars der Leinwand, der Laufstege und der Straße, auch wenn sie vor sich hinrosten wie der Chevrolet oder der Buick, diese Pubertäts-Traumspielzeuge für Buben. Und ewig lockt natürlich auch das Abenteuer. Bei Wolfgang Uranitsch heißt es vorzugsweise Jamaica. All das kann man heute längst mit Earth Google bis zur letzten Blattspitze ausspionieren. Aber es wird nie so lustvoll sein, wie es dieser Sprayer kunstvoll und dennoch lässig vorführt. Selten wurde die Dose raffinierter und einfühlsamer ihres Inhalts entleert. Es gibt eben auch alte Meister in diesem Fach. Uranitsch ist einer davon.